In vielen Unternehmen gelten Sicherheitsbeauftragte noch immer als „Pflichtrolle", die es eben gibt, weil das Gesetz es so vorsieht. Dabei wird oft unterschätzt, welches Potenzial in ihrer täglichen Arbeit steckt – nicht als Kontrolleure, sondern als Multiplikatoren.

Die Multiplikatorenrolle beschreibt die Fähigkeit von Sicherheitsbeauftragten, Wissen, Haltung und Verhalten zum Thema Arbeitsschutz nachhaltig im Betrieb zu verbreiten. Sie wirken nicht nur durch Fachkenntnisse, sondern vor allem durch Nähe, Vorbildwirkung und Kommunikation – und genau darin liegt ihre besondere Stärke.

1. Multiplikatoren: Was bedeutet das eigentlich?

Der Begriff „Multiplikator" stammt aus der Pädagogik und Kommunikation: Gemeint ist eine Person, die Inhalte nicht nur selbst aufnimmt, sondern sie gezielt, glaubwürdig und wirkungsvoll in ihrer Umgebung weitergibt.

Im Kontext des Arbeitsschutzes sind Sicherheitsbeauftragte Multiplikatoren, weil sie:

  • zwischen verschiedenen Ebenen vermitteln (z. B. zwischen Fachkraft für Arbeitssicherheit und Belegschaft)

  • Verhalten beeinflussen, indem sie Kolleginnen und Kollegen sensibilisieren

  • kulturprägend wirken, indem sie Sicherheit im Alltag sichtbar machen

Diese Rolle basiert nicht auf Weisungsbefugnissen, sondern auf sozialer Wirksamkeit: durch Vertrauen, Akzeptanz und Präsenz im Team.

2. Wie Sicherheitsbeauftragte als Multiplikatoren wirken

Verhalten beeinflussen, ohne Anweisung

Sicherheitsbeauftragte sind keine Vorgesetzten. Aber sie haben die Macht des guten Beispiels. Sie tragen PSA, sprechen Sicherheitsmängel direkt an, leben achtsames Verhalten vor – und motivieren andere, es ihnen gleichzutun.

Psychologisch betrachtet wirken sie durch:

  • Soziale Normenbildung: „Wenn meine Kollegin das ernst nimmt, ist es wohl wichtig."

  • Mikro-Interaktionen: Kleine Hinweise („Achte auf deine Haltung") verändern Gewohnheiten.

  • Positive Gruppendynamik: Sicherheitsbewusstsein wird „normal".

Früherkennung durch Nähe

Als Teil des Teams sehen Sicherheitsbeauftragte oft Dinge, bevor sie eskalieren. Defekte Geräte, falsche Handgriffe, gefährliche Abkürzungen. Ihre Nähe zur Arbeitspraxis ermöglicht ihnen, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und niederschwellig anzusprechen.

Sie agieren als:

  • Sensoren der Organisation für sicherheitskritische Entwicklungen

  • Frühwarnsysteme, bevor es zu Vorfällen kommt

  • Sparringspartner, die Rückmeldungen aus dem Team weitergeben

Vertrauen und Zugänglichkeit

Während Führungskräfte oder externe Fachkräfte seltener vor Ort sind, ist der Sicherheitsbeauftragte kollegial präsent. Das schafft Vertrauen.

Mitarbeitende wenden sich eher an „jemanden aus der eigenen Reihe", wenn sie:

  • Fragen zur Sicherheit haben

  • Missstände beobachten

  • Angst vor Sanktionen oder Ablehnung haben

So fungieren Sicherheitsbeauftragte auch als Brückenbauer: Sie nehmen Stimmungen auf, transportieren sie zur Führung und geben umgekehrt Rückhalt bei Veränderungen.

3. Die Rolle im Rahmen der Sicherheitskultur

Strategische Einbindung bedeutet, Sicherheitsbeauftragte systematisch, aktiv und kontinuierlich in die Prozesse des Arbeitsschutzes zu integrieren. Dies umfasst drei Dimensionen:

Strukturelle Einbindung

  • Einbindung in regelmäßige ASA-Sitzungen (Arbeitsschutzausschuss)

  • Teilnahme an Sicherheitsbegehungen und Audits

  • Zugang zu Informationen und Dokumentationen

  • Definierte Kommunikationswege mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit und Führungskräften

Fachliche Entwicklung

  • Gezielte Qualifizierung (z. B. Schulungen, Workshops)

  • Austauschformate unter SiBe (z. B. Netzwerktreffen, Lernzirkel)

  • Beteiligung an Gefährdungsbeurteilungen, Unterweisungskonzepten und Projektteams

Kulturelle Integration

  • Anerkennung und Wertschätzung im Team und durch die Führung

  • Sichtbarkeit im Unternehmen (z. B. bei Meetings, im Intranet, in Aushängen)

  • Förderung von Eigeninitiative und Vorschlägen

4. Voraussetzungen für eine starke Multiplikatorenrolle

Damit Sicherheitsbeauftragte ihre Rolle wirksam ausfüllen können, brauchen sie mehr als ein Ernennungsschreiben. Entscheidend sind:

Rückhalt und Wertschätzung

  • Offizielles Mandat durch die Führung

  • Anerkennung als wichtige Rolle im Team

  • Zeit und Freistellung für Sicherheitsaufgaben

Schulung und Weiterbildung

  • Fachwissen zu Gefährdungen, Verhalten, Ergonomie etc.

  • Schulungen zur Gesprächsführung und Konfliktlösung

  • Praxisnahe Trainings statt reiner Theorie

Einbindung in Sicherheitsprozesse

  • Teilnahme an Begehungen, ASA-Sitzungen, Unterweisungen

  • Beteiligung an der Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen

  • Feedbackgeber bei neuen Maßnahmen

Kommunikationsfähigkeiten

Multiplikatoren brauchen nicht nur Wissen, sondern Wirksamkeit – das heißt:

  • Feedback geben ohne Schuldzuweisung

  • Kollegiale Gesprächsführung statt autoritärer Belehrung

  • Aktives Zuhören, Empathie und Augenhöhe

5. Risiken: Wenn die Multiplikatorenrolle nicht funktioniert

Wird die Rolle des Sicherheitsbeauftragten unterschätzt, falsch eingesetzt oder isoliert, bleiben viele Potenziale ungenutzt – oder es entstehen sogar Risiken:

  • Frustration durch fehlende Wirkung („Ich sehe es, aber es ändert sich nichts.")

  • Rollenunklarheit („Bin ich jetzt Aufpasser oder Kollege?")

  • Überforderung ohne Unterstützung

  • Sicherheitskultur wird als leere Hülle erlebt

Ein starker Sicherheitsbeauftragter ist kein Einzelkämpfer: Er braucht System, Struktur und Support.

Fazit: Von innen nach außen wirken

Die Rolle des Sicherheitsbeauftragten ist viel mehr als eine organisatorische Notwendigkeit. Multiplikatoren haben die Chance, Kultur zu beeinflussen, Verhalten zu verändern und Risiken zu reduzieren – jeden Tag, direkt im Betrieb, nah an den Menschen.

Sie sind:

  • Sprachrohr und Vorbild

  • Beobachter und Impulsgeber

  • Brückenbauer und Vertrauensperson

Damit aus Sicherheitsvorschriften gelebter Arbeitsschutz wird, braucht es genau diese Menschen. Menschen, die nicht nur wissen, was getan werden muss – sondern dafür sorgen, dass es tatsächlich passiert.

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