Dario Ostfechtel, Sicherheitsingenieur und Gründer von safellows

Das ist die halbe Wahrheit. Ein Jahr zuvor hat die DGUV ein Papier veröffentlicht, das die Anforderungen an Sicherheitsbeauftragte deutlich anhebt: den DGUV Grundsatz 311-004 „Rahmenkonzept zur Grundqualifizierung von Sicherheitsbeauftragten“. Weniger Pflicht zur Bestellung, höhere Erwartungen an die Rolle. Wer als SiBe gebraucht werden will, muss zeigen, was er beiträgt.

Was der DGUV Grundsatz 311-004 regelt

Der Grundsatz beschreibt, wie die Grundqualifizierung von Sicherheitsbeauftragten aussehen soll und welche Kompetenzen sie dabei erwerben (DGUV Publikationen). Fachwissen über Arbeitsschutz, Akteure und Gefährdungen bleibt die Basis. Dazu kommen drei weitere Kompetenzfelder:

 Methodenkompetenz: zum Beispiel wissen, wie man sich strukturiert an einer Gefährdungsbeurteilung beteiligt.

Selbstkompetenz: das eigene Handeln reflektieren und hinterfragen.

 Sozialkompetenz: mit Kolleginnen und Kollegen so umgehen, dass Sicherheitsthemen ankommen.

In meiner Zeit als Head of HSE in der Produktion habe ich oft erlebt, dass genau diese drei Felder über die Wirkung eines SiBes entscheiden. Fachlich fitte SiBes gab es viele. Wirksam waren die, die im Team ernst genommen wurden.

Der Grundsatz formuliert einen Anspruch. Ob dein Betrieb dich entsprechend einbindet, steht auf einem anderen Blatt. Diese Lücke kannst du selbst verkleinern.

Selbstcheck: Wie stehst du gerade im Unternehmen?

Drei Signale zeigen dir, welchen Status deine Rolle tatsächlich hat.

1. Wirst du vorher gefragt oder hinterher informiert? Eine neue Maschine kommt. Bist du bei Planung und Ausgestaltung dabei, weil du deinen Bereich kennst und weißt, wo es an der alten Anlage gehakt hat? Oder erfährst du davon, wenn sie schon in der Halle steht?

2. Hast du feste Zeit für die SiBe-Arbeit? Gibt es ein vereinbartes Zeitbudget, oder soll Sicherheit zwischen Tür und Angel passieren? Das zeigt, ob der Betrieb die Arbeit als Beitrag anerkennt.

3. Was passiert mit deinem Feedback? Meldest du eine Gefahrenstelle, wird dann sichtbar, dass sie behoben wurde? Oder landet der Hinweis in der Schublade?

Tipp für Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Führungskräfte: Dieselben drei Fragen zeigen euch, ob eure SiBes anerkannt sind oder nur auf dem Papier existieren.

Hebel 1: Achte darauf, wie du über dich sprichst

Was du über dich sagst, übernimmt dein Umfeld. Stellst du dich vor mit „Ich bin Jan aus der Instandhaltung und mache nebenbei noch Sicherheit“, hast du deine Rolle selbst kleingeredet. Die anderen ordnen dich genau so ein.

Besser: „Ich bin Jan, ich arbeite in der Instandhaltung und bin Sicherheitsbeauftragter.“ Kein „nebenbei“, kein „ein bisschen“.

Dasselbe gilt für Aufgaben. „Ich guck da mal kurz drüber“ klingt nach Gefälligkeit. „Ich schaue mir die Gefährdungsbeurteilung an und bringe die Perspektive aus unserer Abteilung ein“ klingt nach Rolle. Wichtig dabei: Die Verantwortung für den Arbeitsschutz liegt bei Unternehmer und Führungskräften. Deine Aufgabe ist, die Sicht deiner Kolleginnen und Kollegen einzubringen.

Hebel 2: Benenne Ergebnisse statt Tätigkeiten

„Ich habe eine Begehung gemacht“ beschreibt eine Aufgabe. „Ich habe zwei Stolperstellen und einen zugestellten Fluchtweg gefunden, alles ist behoben“ beschreibt eine Verbesserung. Der Aufwand war derselbe. Die Wirkung auf dein Umfeld ist eine völlig andere.

Gewöhn dir an, in Teamrunden und Gesprächen mit der Führungskraft über das zu sprechen, was sich durch deine Arbeit verändert hat. Dafür brauchst du keine zusätzliche Stunde, nur eine andere Formulierung.

Hebel 3: Mach dich gezielt sichtbar

Wissen teilen: Bereite einmal im Quartal ein Thema vor, das für eure Abteilung relevant ist, und sprich fünf Minuten im Teammeeting darüber. Es geht um Austausch mit den Kollegen. Du zeigst damit, dass du die Abteilung voranbringen willst.

Konkretes Feedback einholen: Frag deine Führungskraft nicht „Mache ich das gut?“. Frag: „Wo siehst du meinen nächsten Entwicklungsschritt als SiBe?“ Allgemeine Fragen bekommen allgemeine Antworten. Konkrete Fragen zeigen, dass du deine Rolle ernst nimmst.

Aus der Praxis: Sicherheitsbeauftragter bei Kern Drucklufttechnik

Wie das im Alltag aussieht, zeigt Kern Drucklufttechnik. Mit 18 Beschäftigten ist das Unternehmen nach Beschäftigtenzahl nicht verpflichtet, einen Sicherheitsbeauftragten zu bestellen. Weder nach alter noch nach neuer Regelung. Trotzdem hat Geschäftsführer Christian Kern entschieden, seinen Mitarbeiter Sven mit safellows zum Sicherheitsbeauftragten auszubilden, orientiert an den Kompetenzfeldern, die auch der DGUV Grundsatz 311-004 beschreibt.

Seitdem hat sich im Betrieb spürbar etwas bewegt. Sven spricht Sicherheitsthemen aktiv an und gibt ihnen im Arbeitsalltag Raum. Die Folge: Die ganze Mannschaft achtet mehr auf Arbeitsschutz. Und die Ideen kommen inzwischen aus dem Team selbst. Welcher Schutzhelm angeschafft wird, entscheiden die Kollegen mit, statt dass er von oben vorgegeben wird.

Dazu kommt etwas, das in keiner Unterweisung steht: Sven geht mit gutem Beispiel voran. Er lebt vor, was er anspricht, und genau das macht ihn glaubwürdig.

Das ist gezielte Sichtbarkeit in der Praxis. Sven hat dafür keine Show gebraucht, nur eine klare Rolle, die er selbstbewusst ausfüllt.

Im Video beschreibt Christian Kern, was sich im Unternehmen verändert hat und warum sich die SiBe-Ausbildung gerade für kleine Betriebe lohnt:

Fazit: Vom Pflichtposten zur Schlüsselrolle

Sprache, Substanz, gezielte Sichtbarkeit. Mit diesen drei Hebeln nutzt du, was der DGUV Grundsatz 311-004 vorgibt, um deine Position im Betrieb zu stärken.

Kern Drucklufttechnik zeigt, dass die Frage nach der Bestellpflicht zu kurz greift. Entscheidend ist, was ein Sicherheitsbeauftragter im Betrieb bewirkt.

Langfristig kann die Qualifizierung nach diesem Grundsatz SiBes aus der reinen Pflichtrolle holen und zu dem machen, was sie sein können: Katalysatoren für Sicherheitskultur und Akzeptanz im Arbeitsschutz.

Häufige Fragen

Was ist der DGUV Grundsatz 311-004? Das Rahmenkonzept der DGUV zur Grundqualifizierung von Sicherheitsbeauftragten, veröffentlicht im Juni 2025. Er beschreibt, welche Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen SiBes in ihrer Ausbildung erwerben sollen.

Sind Sicherheitsbeauftragte seit 2026 noch Pflicht? Bei mehr als 20 bis unter 50 Beschäftigten besteht grundsätzlich keine Pflicht mehr, außer es liegen besondere Gefährdungen für Leben und Gesundheit vor. Bei 50 bis 250 Beschäftigten ist mindestens ein Sicherheitsbeauftragter zu bestellen (Metallhandwerk).

Lohnt sich ein SiBe auch in kleinen Betrieben ohne Pflicht? Ja, wenn er wirksam arbeitet. Das Beispiel Kern Drucklufttechnik mit 18 Beschäftigten zeigt, wie ein gut ausgebildeter SiBe das Sicherheitsbewusstsein im ganzen Team verändert.

Braucht ein SiBe mehr Zeit, um seinen Status zu verbessern? Nein. Die drei Hebel setzen bei Sprache und Sichtbarkeit an, also bei dem, was du ohnehin schon tust.

Zum Weiterhören und -lesen

Alle Beispiele aus diesem Artikel hörst du ausführlich in der Folge „Die DGUV hebt deinen Status - zieh jetzt nach“ im Sicherheitsbeauftragten-Podcast: [Link zur Folge]

Wer tiefer in den Grundsatz einsteigen will: In unserem Report „Mit System zur wirksamen Sicherheitsbeauftragten“ ordnen wir den DGUV Grundsatz 311-004 für die Praxis ein. [Link zum Report]

Über den Autor

Dario Ostfechtel ist Sicherheitsingenieur, war Head of HSE in der Fertigung und leitet den Arbeitskreis EHS beim VDI OWL. Mit safellows unterstützt er Unternehmen dabei, ihre Sicherheitsbeauftragten wirksam zu machen.
Mehr zum Ansatz: safellows.com/sibe-wirksamkeit

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